Zwischen Erfolg und Verfolgung: Jüdische Sportlerinnen und Sportler in Deutschland

Hans Joachim Teichler

Bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 in Athen feierten die deutschen Turner einen unerwarteten Triumph. Sie gewannen als Mannschaft das Barrenturnen und blieben am Reck ohne Konkurrenz. Einzelsieger am Barren und damit dreifacher Olympiasieger wurde der Berliner Alfred Flatow; sein Cousin Gustav Felix Flatow zweifacher Olympiasieger. Von ihm ist eine Postkarte überliefert, die von einer Einladung des griechischen Königs berichtet:

„Wie ich Euch schon mitgetheilt habe, wurden wir alle Turner beim König zum Diner eingeladen und haben mehr als 3 Stunden dort gespeist in 5 Gängen, es war großartig; nach dem wurden wir alle dem König vorgestellt und hat sich dieser sehr über uns gefreut und sich mit jedem unterhalten; auch der Kronprinz und sämtliche Prinzen waren erschienen etc., etc.“

Die beiden Berliner Turner waren die ersten jüdischen Olympiasieger für Deutschland.  Sie waren, wie die Mehrheit ihrer jüdischen Glaubensgenossen, bis 1933 Mitglied in allgemeinen Turnvereinen, die sich nicht um die Konfession ihrer Mitglieder kümmerten. Dagegen lehnte der Akademische Turnerbund Juden als Mitglieder seit jeher ab. So kam es 1898 in Berlin zur Gründung des ersten jüdischen Turnvereins Bar Kochba. Da aber viele Jüdische Gemeinden die Gründung rein jüdischer Vereine ablehnten, weil sie darin eine Selbstausgrenzung der Juden aus der deutschen Gesellschaft sahen, blieben jüdische Turnvereine die Ausnahme.

Mit der Ausbreitung der modernen Sportbewegung um 1900 eröffnete sich für zahlreiche jüdische Bürgerinnen und Bürger eine weitere Möglichkeit, am deutschen Vereinsleben teilzunehmen. Der moderne Sport rekrutierte seine Anhängerschaft vor allem im bürgerlichen Mittelstand der Städte und Großstädte, in dem die deutschen Juden überproportional vertreten waren. Die Mitgliedschaft in Sportvereinen eröffnete die Chance zur gesellschaftlichen Integration, die anderenorts vielfach immer noch verwehrt wurde. Als Sportlerinnnen und Sportler erfuhren die deutschen Juden „die praktische Wirksamkeit des Gleichheitsprinzips wie in keinem anderen Kulturbereich.“ Jüdische Sportlerinnen und Sportler waren auch im Leistungssport erfolgreich, besonders in den Sportarten Jiu-Jitsu, Boxen, Ringen, Fechten, Tennis, Hockey und in der Leichtathletik.

Im Fußball gehören Juden zu den wichtigen Pionieren: Walther Bensemann organisierte 1893 die ersten internationalen Begegnungen deutscher Mannschaften, war Mitbegründer des DFB und hob 1920 die Fachzeitschrift Kicker aus der Taufe. Viele Juden waren an der Gründung von Fußballvereinen beteiligt und mit Julius Hirsch und Gottfried Fuchs wurden 1911 zwei Juden in die DFB-Auswahl berufen. Fußball war gelebte Akkulturation. Jüdinnen und Juden konnten sich auf „spielerische“ Weise Prestige und Anerkennung verschaffen, die ihnen in vielen staatlichen und einigen gesellschaftlichen Bereichen versagt blieben.

So erhielt die damals jüngste deutsche Olympiasiegerin Helene Mayer, die als 17-jährige Schülerin Gold im Florettfechten bei den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam gewann, ihre Fechtausbildung ganz selbstverständlich im bürgerlichen Offenburger Fechtclub. Erst als völkische Kreise die blonde „He“ als Aushängeschild germanischer Leistungsfähigkeit für sich vereinnahmten, protestierten jüdische Presseorgane und wiesen darauf hin, dass die gefeierte Olympiasiegerin Tochter eines bekannten jüdischen Arztes ist. Besser konnte man der Irrationalität des völkischen Rassenwahns nicht entgegentreten. Eine solche Bekanntmachung durch die jüdische Presse blieb aber zunächst die Ausnahme: Im Gegensatz zu Österreich, wo der völkische Antisemitismus der Turner und der Alpenvereine sich auch im Sport breitmachte, gab es im deutschen Sport und in der Sportwissenschaft mit ganz wenigen Ausnahmen keine Probleme in der Zusammenarbeit und im Zusammenleben mit jüdischen Bürgerinnen und Bürgern. Dennoch konvertierten viele von ihnen zum Christentum, wie der Präsident des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen Theodor Lewald. Nur noch von den Nazis wurden sie dann als Juden wahrgenommen, die das Jüdisch-Sein bekanntlich nicht über die Religionszugehörigkeit definierten. Gemäß ihrer Rassenideologie galt eine Person mit mindestens drei jüdischen Großeltern als Jude, mit zwei als „Halbjude“, mit einem Großelternteil als „Vierteljude“. Für die überwiegende Mehrheit der etwa 550.000 Jüdinnen und Juden des Jahres 1925 gab es keinen Widerspruch zwischen Judentum und Deutschtum.

Von 502.799 deutschen Einwohnern, die sich 1933 zum jüdischen Glauben bekannten, lebten 144.000 in Berlin und schätzungsweise 50.000 im heutigen Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Unterstellt man einen durchschnittlichen sportlichen Organisationsgrad von zehn Prozent, kommt man auf circa 5.000 sportlich aktive Jüdinnen und Juden allein in diesem Berliner Stadtteil. Viele zog es in die etablierten Vereine Berliner Sport-Club und Sport-Club Charlottenburg, die in völkischen Kreisen als „verjudet“ galten. Nach Einführung eines „Arierparagrafen“, wonach nur sogenannte Arier dem Club beitreten konnten, verlor die Frauenabteilung des SCC im Jahr 1933 fast zwei Drittel ihrer Mitglieder. Wie integriert jüdische Sportlerinnen waren, zeigt ein Foto der Berliner Illustrirten Zeitung (1925, Nr. 44), auf dem acht „Größen im Deutschen Damensport“ abgebildet sind. Sie repräsentierten das Neue und Emanzipatorische im boomenden Sport der 1920er Jahre, gerade weil der Anteil der Frauen in den Sportvereinen erst bei rund zehn Prozent lag. Für unseren Zusammenhang wichtig sind die beiden jüdischen Sportlerinnen im Mittelpunkt der Gruppe: die Leichtathletin Lilli Henoch und die Tennisspielerin Nelly Neppach. Beide waren enorm erfolgreich in ihrem Sport: Lilli Henoch hatte zu diesem Zeitpunkt sieben deutsche Meistertitel in verschiedenen Disziplinen errungen und Nelly Neppach war 1925 Meisterin im Tennis geworden. Beide waren Jüdinnen und starteten beziehungsweise spielten für sogenannte paritätische oder allgemeine, das heißt nicht konfessionell oder politisch ausgerichtete Vereine. Sie waren, wie die Aufnahme illustriert, vollkommen in das deutsche Sportleben der 1920er Jahre integriert. Dies galt für die überwiegende Mehrzahl der sportlich interessierten deutschen Jüdinnen und Juden. So liefen in der 4-mal-100-Meter-Staffel des SC Charlottenburg neben Meistersprinter Helmut Körnig mit Kurt Lewin, Alex Natan und Fritz Gerber zeitweilig drei jüdische Sprinter. Vereine wie der Deutsche Sport-Club Berlin, die Juden vor 1933 die Mitgliedschaft verwehrten, waren die Ausnahme.

Jüdische Sportgruppen wie der national-patriotische Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten (RjF), der zionistisch orientierte deutsche Makkabi-Kreis oder der neutrale Vintus wurden von vielen entweder als „freiwilliges Ghetto“ oder als „Hindernis kultureller und sozialer Assimilation“ abgelehnt.

Exkurs: Die jüdische Sportbewegung in der Weimarer Republik – Makkabi, Schild und Vintus

Ausgangspunkt der jüdischen Sportbewegung waren der 1898 gegründete jüdische Turnverein Bar Kochba Berlin und die 1903 gegründete Jüdische Turnerschaft. Ihr Ziel war es, Max Nordaus Aufruf zum „Muskeljudentum“, das heißt zur physischen Stärkung des jüdischen Volkes, auf dem Ersten Zionistenkongress in Basel gegen den Widerstand der Orthodoxie und des liberalen Flügels des Judentums in die Tat umzusetzen. Makkabi gründete sich während des XII. Zionistenkongresses in Karlsbad (Karlovy Vary) im August 1921 als Verband jüdischer Turn- und Sportvereine. Der Name dieses zionistischen Weltverbandes leitet sich von den Makkabäern (hebräisch Makkabim) ab, jüdischen Freiheitskämpfern, die im 2. Jh. v. Chr. ein unabhängiges jüdisches Königreich begründeten. Leitbilder von Makkabi waren die „Kraft“ (Hakoach) und das antike jüdische Heldentum (Bar Kochba, Hagibor). Die Verbandszentrale hatte zuerst in Berlin ihren Sitz, später in Wien und Brünn (Brno) und kehrte 1929 wieder nach Berlin zurück (bis 1932). Unter dem deutschen Präsidenten Leweler konzentrierte sich die Arbeit des Verbands auf die Verwirklichung eines jüdischen Staates in „Erez Israel“ (Palästina). Nach dem Vorbild der Deutschen Kampfspiele, einem Gegenentwurf zum internationalen Wettkampfsport, fand 1932 eine jüdische Olympiade, die Makkabiade, als Zeichen national-jüdischer Solidarität statt. 1929 wurden allein in Preußen 53 zionistische Vereine mit 7.375 Mitgliedern gezählt. Der größte Verein war Bar Kochba Berlin mit 1.300 Mitgliedern. Vereine mit über 200 Mitgliedern gab es in Breslau, Hannover, Kassel und Frankfurt am Main. Im Sportsystem der Weimarer Republik waren die Makkabi-Vereine genauso integriert und Mitglied der Fachverbände wie die konfessionell geprägten Verbände Eichenkreuz (evangelisch) und Deutsche Jugendkraft (katholisch).

Nach dem Aufruf der Bundesleitung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten (RjF) zur Bildung eigener Sportgruppen entstanden 1924 die ersten Zusammenschlüsse, die 1925 als Turn- und Sportverein Schild eingetragen wurden. Im Westen Deutschlands existierten darüber hinaus etwa 20 Vintus-Vereine, deren genaue Mitgliederzahl nicht bekannt ist. Sie sahen sich als neutrale Vereine zwischen dem deutsch-patriotischem RjF und dem zionistischen Makkabi.

Herbert Sonnenfeld, Jiu-Jitsu-Training in der Halle des Jüdischen Boxclubs "Berlin", vermutl. Berlin Januar 1936.
Herbert Sonnenfeld, Jiu-Jitsu-Training in der Halle des Jüdischen Boxclubs "Berlin", vermutl. Berlin Januar 1936.

Selbstschutz und Erfolge

Erfolge jüdischer Sportler wurden in den letzten Jahren der Weimarer Republik von der jüdischen Presse mit zunehmendem Interesse registriert. So etwa die Erfolge der Jiu-Jitsu-Gruppe des Jüdischen Boxclubs Berlin, aus deren Reihen zwischen 1926 und 1932 elf Deutsche Meister beziehungsweise Kampfspielsieger hervorgingen, des gemäßigt zionistischen Berliner Sportvereins Bar Kochba in der Leichtathletik oder des jüdischen Tennisspielers Daniel Prenn im Davis-Cup. Der Grund für die gestiegene Aufmerksamkeit war zum einen der Antisemitismus, der auch in der Weimarer Republik nach wie vor existierte, auch wenn er regelmäßig von der gemäßigten Rechten bis zur Linken verurteilt wurde. So waren die schweren antisemitischen Gewalttaten und Plünderungen im Berliner Scheunenviertel 1923 der Auslöser für den Appell des RjF an seine Landesverbände, „die deutsch-jüdische Jugend für die Leibesübungen zu werben und örtliche Sportgruppen einzurichten“. Aus diesem Selbstschutzgedanken erklärt sich die Dominanz der Zweikampfsportarten sowohl bei Schild als auch bei Makkabi. Zum anderen wuchsen die Bedeutung und das Prestige sportlicher Erfolge, weil sich mit ihnen die Anerkennung nicht nur der Sportkameraden oder Sportfreundinnen gewinnen ließ, sondern auch der nichtjüdischen Gesellschaft. Noch wichtiger war die Widerlegung des Vorurteils von der vermeintlichen körperlichen Minderwertigkeit der Juden. Dieses Stereotyp war nicht nur in antisemitischen Kreisen verbreitet, sondern auch das entscheidende Gründungsmotiv der zionistisch-jüdischen Turnerschaft im Jahr 1903 gewesen. Die Furcht vor einer generellen körperlichen Degeneration, die vor allem in den modernen Großstädten diskutiert wurde, findet sich allerdings in gleichem Umfang  im zeitgenössischen nichtjüdischen Sportdiskurs. Auch in den traditionellen Organisationsformen, in der Gestaltung der Feste, bei der Durchführung der Wettkämpfe, bei den Auszeichnungen mit Diplomen, Pokalen und sonstigen Preisen sowie in Stil, Haltung und Symbolen zeigten die jüdischen Vereine das gleiche Erscheinungsbild wie die „paritätischen“ oder „neutralen“ Vereine, von denen man sich gleichzeitig kritisch distanzierte. Letztlich jedoch ermöglichten die Internationalität des modernen Sports, die weltanschauliche Neutralität und die Ideologieabstinenz der sportlichen Praxis Integration und Kooperation trotz der unterschiedlichen politischen oder religiösen Einstellung der sportlichen Akteure.

Die Sportbegeisterung der 1920er Jahre, die innerhalb einer Dekade zu einer Verzehnfachung der Zahl der organisierten Sportlerinnen und Sportler führte, ergriff Nichtjuden und Juden gleichermaßen. Sie alle erlagen dem Zauber der „Weltreligion des 20. Jahrhunderts“. Die jüdischen Aktiven unter ihnen übten ihren Sport nur zum geringen Teil im soldatisch geprägten RjF oder im deutschen Makkabi-Kreis aus. Die meisten von ihnen gehörten neutralen Sportvereinen an. Mit ihren knapp 10.000 Mitgliedern spielten die jüdischen Sportorganisationen Makkabi und Schild vor 1933 im Deutschen Reichsausschuss für Leibesübungen (DRA), der über sechs Millionen Mitglieder zählte, nur eine untergeordnete Rolle. Diese Rolle sollte sich im Frühjahr 1933 grundlegend ändern, als fast alle Verbände und Vereine des DRA – allen voran die Deutsche Turnerschaft – freiwillig und in vorauseilendem Gehorsam ihre jüdischen Mitglieder ausschlossen und Makkabi und Schild zum Auffangbecken für die heimatlos gewordenen jüdischen Sportler wurden.

Die jüdische Sportbewegung im nationalsozialistischen Deutschland

Ohne gesetzliche Grundlage und noch vor der Ernennung eines Reichssportkommissars am 28. April 1933 schlossen zahlreiche Verbände und Vereine des bürgerlichen Sports nach dem Vorbild des „Berufsbeamtengesetzes“ im Wettlauf um die Gunst der neuen Machthaber ihre jüdischen Mitglieder aus. Als besonders eifrig stellte sich die Deutsche Turnerschaft heraus, deren Führer Edmund Neuendorff „Seit an Seit mit Stahlhelm und SA den Vormarsch ins dritte Reich“ antreten wollte und die Einführung eines hundertprozentigen „Arierparagrafen“ verkündete. Die Berliner Turnerschaft Korporation forderte Alfred Flatow deshalb zum Austritt auf. Nachdem der 46-jährige Turner seinen Verein verlassen hatte, schloss er sich keinem anderen mehr an. Sein Cousin Gustav Felix emigrierte in die Niederlande.

Die reichsweite Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933 gab dem latenten Antisemitismus Auftrieb. Dieser blieb jedoch nicht nur auf das völkische Lager der Turner begrenzt. Auch Sportverbände wie der Verband Brandenburgischer Athletikvereine, der auch für die Berliner Leichtathletik zuständig war, der Deutsche Reichsverband für Amateurboxen sowie der Deutsche Schwimmverband, der Deutsche Ruderverband, der Deutsche Kanuverband und der Deutsche Skiverband schlossen sich an. Besonders radikale Beschlüsse fasste der Verband deutscher Faustkämpfer, der nicht nur Juden ausschloss, sondern es den Profiboxern untersagte, jüdische Manager zu engagieren oder sich von jüdischen Ärzten behandeln zu lassen. Daraufhin reduzierte sich die Zahl der Profiboxkämpfe in Berlin auf ein Drittel. Dort wo die Verbände keine Vorgaben machten, agierten viele Vereine von sich aus und beschlossen die Einführung von „Arierparagrafen“. Welcher Freiraum sich den Vereinen durch die olympiabedingte Zurückhaltung der Reichssportführung bot, zeigt das Beispiel Eintracht Frankfurt: Die letzten jüdischen Mitglieder mussten den Verein erst 1937 verlassen.

Der deutsche Makkabi-Kreis reagierte Anfang Mai 1933 mit einem Aufruf an alle jüdischen Turner und Sportler in Deutschland:

„Der Ausschluß der jüdischen Turner und Sportler aus den deutschen Verbänden und Vereinen stellt uns vor neue Aufgaben. Seit über dreißig Jahren kämpfen die Vereine des Deutschen Kreises im Makkabi-Weltverband für den Gedanken der physischen Regeneration des jüdischen Volkes [....]. Die Verbindung mit der nationalen Renaissance unseres Volkes und dem Aufbau Palästinas hat unserer Arbeit ihren Sinn gegeben und aus unseren Turnern und Sportlern aufrechte jüdische Menschen gemacht.
Heute gilt es, allen jüdischen Turnern und Sportlern, die heimatlos geworden sind, unsere Reihen zu öffnen. Der Deutsche Makkabikreis fordert alle diejenigen, welche sich heute auf ihr Judentum besonnen haben, auf, in die Makkabi- und BarKochba-Vereine Deutschlands einzutreten und mit uns zusammen für eine schöne und hoffnungsvolle jüdische Zukunft zu kämpfen.“

Der deutsch-patriotische Reichsbund jüdischer Frontsoldaten zog nach. Er forderte am 13. Mai 1933 seine Ortsgruppen auf, die vereinslos gewordenen Sportlerinnen und Sportler möglichst in besonderen Abteilungen zusammenzufassen, und gründete am 30. Mai 1933 einen eigenen Sportbund, um weiter „im deutsch-vaterländischem Geiste auf die jüdische Jugend einzuwirken“. 1934 konnte der RjF-Bundesvorsitzende Leo Löwenstein bereits auf 83 Vereine mit über 7.000 Mitgliedern verweisen. Seine weiteren Ausführungen lassen allerdings die ideologische Kluft zum Makkabi-Kreis überaus deutlich hervortreten:

„So wollen wir über diese Gegenwart hinweg eine Brücke bauen, die eine in unserem Geiste deutschgesinnte, wehrhaft ertüchtigte, im Glauben an die Väter wurzelnde jüdische Generation hineinführt und in Ehren eingliedert in unseren heutigen nationalen und sozialen deutschen Staat, zu dem wir uns als alte Soldaten positiv bekennen.“

Ohne weiter auf diesen innerjüdischen Konkurrenzkampf zwischen Zionisten und deutschen Patrioten eingehen zu wollen, bleibt festzuhalten, dass beide Organisationen den aus ihren Stammvereinen ausgeschlossenen jüdischen Sportlerinnen und Sportlern eine neue Heimat boten und ihnen die Fortsetzung ihres geliebten Sports und die Teilnahme am Gemeinschaftsleben ermöglichten. Makkabi und Schild verzeichneten 1933 zusammen circa 15.000 Neuaufnahmen. Wie der Sportwart des Schild Paul Yogi Mayer berichtete, hatte die Entscheidung, wohin man ging, weniger etwas mit weltanschaulichen oder religiösen Überzeugungen zu tun, sondern meist ganz pragmatische Gründe (Freundeskreis, Nähe und Ausstattung der Sportstätten, Reputation des aufnehmenden Vereins etc.). Ende 1933 gehörten dem Sportbund Schild 7.000 Mitglieder an. Bis 1934 wuchs ihre Zahl auf 17.000, 1935 waren es 20.000 und 1936 etwa 21.000 Mitglieder. Die Zahl der Sportvereine des RjF stieg von 90 im Jahr 1933 auf 216 im Jahr 1936. Die größten Vereine waren die Jüdische Sportgemeinschaft 1933 Berlin mit 1.800 Mitgliedern, Schild Frankfurt am Main mit 1.400 und die Sportgruppe Breslau mit 1.000 Mitgliedern. Makkabi hatte Ende 1934 21.500 Mitglieder in 134 Vereinen. Mitte der 1930er Jahre waren somit mehr als 50.000 Jüdinnen und Juden sportlich organisiert. Auf der Makkabiade 1935 in Tel Aviv errang die deutsche Mannschaft mit 17 Medaillen in der Leichtathletik den ersten Platz.

Wie die vielen erhaltenen Aufnahmen nach 1933 von Martin Dzubas, Abraham Pisarek, Herbert Sonnenfeld und anderer jüdischer Sportfotografen belegen, wurden die sportlichen Wettkämpfe mit Hingabe und großem Eifer durchgeführt. Ein ums andere Mal wurde die Mär von der angeblichen körperlichen Unterlegenheit der Juden praktisch widerlegt und Selbstbewusstsein geschöpft. Vielfach wurden jüdische Sportvereine und jüdische Sportplätze zu sozialen Treffpunkten, wo vor allem die Kinder und Jugendlichen den tristen Alltag für kurze Zeit vergessen konnten.

Verbote und Schikanen

Auf den Verlust der sportlichen Heimat, auf die plötzlich einsetzenden Schmähungen und Repressalien reagierten die jüdischen Sportlerinnen und Sportler unterschiedlich. Der rassistische Antisemitismus der ersten Monate des Jahres 1933 äußerte sich in Übergriffen, Verboten und Plünderungen. Sportverbote und die Auflösung von Vereinen wie in München, das örtliche Sperren von Sportstätten und vor allem von Schwimmbädern wechselten sich mit Phasen ungehinderten innerjüdischen Sportbetriebes ab. So beschwerte sich die Berliner Jüdische Gemeinde beim Staatskommissar für Berlin am 29. Mai 1933 über die Tatsache, dass den jüdischen Volksschulen und Jugendorganisationen der Zutritt zum städtischen Schwimmbad Gartenstraße und zu öffentlichen Sportplätzen und Turnhallen verwehrt wurde.

Folge der zunehmenden Ausgrenzung war ein sprunghafter Anstieg der Zahl der Auswanderungen – 37.000 allein im Jahr 1933. Zu den Auswanderern gehörte neben Daniel Prenn, der seit 1928 die deutsche Tennisrangliste anführte, auch Ilse Friedleben, die nach 1920 sechsmal die Spitzenposition im Damentennis belegte. Prenn hatte dem deutschen Davis-Cup-Team 1932 in einem spektakulären Fünf-Satz-Sieg den Gewinn der Europa-Runde gegen England gesichert. Seine damaligen Gegner protestierten in einem offenen Brief, der in der Times veröffentlicht wurde, gegen seinen Ausschluss aus dem deutschen Davis-Cup-Team. Kurz vor seiner Ausreise widerfuhr Prenn in Berlin die demonstrative Ehre eines Spiels gegen König Gustav V. von Schweden.

Der Ausschluss jüdischer Vereine aus ihren Fachverbänden und jüdischer Sportler aus ihren Vereinen kam einer Aufkündigung der guten Nachbarschaft gleich. Die mit der Boykottaktion vom 1. April 1933 verbundenen Schmähungen und Schikanen verstärkten die Tendenz zur Isolation und Resignation. Viele jüdische Turner zeigten sich darüber erschüttert, dass die Deutsche Turnerschaft ihren hundertprozentigen „Arierparagrafen“ im Mai 1933 sogar auf Frontkämpfer und Kinder gefallener Weltkriegsteilnehmer ausdehnte und somit ein zweites Mal die Bestimmungen des „Berufsbeamtengesetzes“ an Radikalität übertraf. Einige jüdische Sportler und Sportlerinnen, wie die um das Ansehen ihres „arischen“ Mannes besorgte Nelly Neppach oder der in seiner Ehre als Turner und Deutscher verletzte Fritz Rosenfelder aus Bad Cannstatt, begingen angesichts ihrer rabiaten Ausgrenzung Selbstmord. Protestschreiben national-konservativer Mitglieder der Berliner Turnerschaft Korporation belegen, dass nicht alle resignierten und einige entschlossen waren, für ihre Rechte zu kämpfen.

Doppelzüngig agierte der Reichssportkommissar Hans von Tschammer und Osten. Intern ließ er am 24. Mai 1933 verlauten: „wenn sich ein Verein weigert, Juden herauszunehmen, so ist mit Schärfe (mit des Messers Schneide) vorzugehen“. Nur drei Wochen später erklärte er öffentlich, „dass die schwierige außenpolitische Situation unseres Vaterlandes eine besondere diplomatische Behandlung [der Judenfrage] erfordert.“

Auf der Wiener IOC-Tagung hatte der Deutsche Olympische Ausschuss schriftlich versichert, dass sich auch jüdische Sportler für die deutsche Mannschaft qualifizieren können, und damit indirekt grünes Licht für das Fortbestehen des jüdischen Sports gegeben. Die Skepsis in der jüdischen Presse sollte sich aber, wie das Schicksal von Gretel Bergmann zeigt, als gerechtfertigt erweisen. Der für Schild Stuttgart startenden Sportlerin verweigerte man 1936 trotz Egalisierung des deutschen Rekordes im Hochsprung die Teilnahme an den Olympischen Spielen.

Offizielle Regelungen ließen 1933 lange auf sich warten. Das Zögern verschärfte die Unsicherheit und erhöhte die Missgunst der rivalisierenden jüdischen Sportverbände, die beide eine Monopolstellung anstrebten. Am 1. Juli 1933 erklärte der Reichssportkommissar gegenüber dem RjF, dass dieser seine Sportbetätigung „bis auf weiteres ausüben kann“. Erst am 17. November 1933 bezog er auch Makkabi in diese Garantie ein. Die mit Rücksicht auf das IOC erlassenen, scheinbar toleranten Richtlinien vom 18. Juli 1934 ließen sogar den Sportverkehr mit nichtjüdischen Vereinen des DRL zu: „Es bestehen keine Bedenken dagegen, dass die Vereine des Reichsbundes für Leibesübungen Trainings- und Gesellschaftsspiele sowie sonstige Wettkämpfe gegen die oben bezeichneten Vereine austragen.“ Trotz der theoretischen Möglichkeit blieben sportliche Begegnungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Mannschaften nach 1933 die große Ausnahme. Die Jüdische Rundschau berichtete im Jahr 1934 lediglich von drei Fußballspielen gegen Mannschaften des DFB in Berlin. Dagegen stieg die Zahl der Wettkämpfe zwischen jüdischen und nichtjüdischen Mannschaften in der ersten Hälfte des vorolympischen Jahres 1935 noch einmal an.

Obwohl nach wie vor Kontakte zwischen Vereinen des DRL und jüdischen Vereinen offiziell gestattet waren, erregte das Spiel zwischen dem Berliner Meister im jüdischen Damenhandball und den Handballerinnen des Polizeisportvereins Berlin (PSV) am 10. Mai 1935 Aufsehen. Während in der jüdischen Presse rein sportlich berichtet wurde, sahen die radikalen Naziblätter Der Stürmer und Das Schwarze Korps darin einen Skandal. Besonders verwerflich war in ihren Augen, dass der PSV, der in Unterzahl antrat, sein Team um zwei Spielerinnen von Bar Kochba ergänzte, um mit einer kompletten Mannschaft antreten zu können. Was vor 1933 bei Freundschaftsspielen übliche Praxis war, endete 1935 auf Anweisung Tschammers (seit Juli 1933 Reichssportführer genannt), der über die Presse davon erfahren hatte, mit dem Vereinsausschluss der beteiligten Spielerinnen. Weitere Spiele zwischen jüdischen und „arischen“ Mannschaften wurden von nun an nicht mehr zugelassen. Gegenüber dem Ausland beteuerte Tschammer das Gegenteil: „Der Sportverkehr jüdischer Vereine untereinander unterliegt keinerlei Einschränkung, und der Sportverkehr mit anderen nichtjüdischen Vereinen ist staatlich nicht verboten.“

Dies stimmte nur insofern, als es kein derartiges staatliches Gesetz gab, war aber eine klare Täuschung, da der Deutsche Reichsbund für Leibesübungen ein sportliches Verbot erlassen hatte. Ebenso verhielt es sich mit der Nutzung öffentlicher Sportstätten – diese war gestattet, sofern die Plätze und Hallen nicht anderweitig benötigt würden. Da diese Regelung Schikanen und Sportstättenentzug Tür und Tor öffnete, sah sich der unter dem Druck des Auslands stehende Reichssportführer veranlasst, die Richtlinien am 15. September 1934 mit dem Zusatz zu versehen: „Weitere Erschwerungen [...] sind zu vermeiden“.

Trotz zahlreicher Verbote und Schikanen kam es nach 1933 zu einem Aufschwung des jüdischen Sportbetriebes. Sogar Rundenspiele konnten stattfinden, wenn auch unter erschwerten Bedingungen. So mussten die Handballer der Bonner Sportgruppe des RjF bis nach Krefeld und Düsseldorf reisen, um Spielpartner zu finden. Die Berliner Jüdische Gemeinde profitierte vom eigenen Sportplatz, der in den Jahren 1932 und 1933 unter großen Anstrengungen fertiggestellt worden war und zu einem Zentrum des sportlichen Lebens der Berliner Juden wurde. Sportliche Erfolgs- und Gemeinschaftserlebnisse schafften Ablenkung und Abstand von wirtschaftlicher Not, gesellschaftlicher Ächtung und wachsender Isolation. Gerade die Kinder und Jugendlichen litten unter der Diskriminierung durch ihr Umfeld, besonders durch fanatisierte Gleichaltrige. Die Erinnerungen von Inge Deutschkron, in Finsterwalde geboren und in Berlin aufgewachsen, spiegeln die kindlichen Freuden und vor allem Nöte dieser Jahre wider:

„Dort [auf dem Sportplatz im Grunewald] wurden Sportfeste abgehalten, bei denen jede Schule um den Sieg kämpfte. Das waren Ereignisse, die uns völlig in Anspruch nahmen und denen wir entgegenfieberten. Vielleicht ist die Erinnerung an diese Stunden auf dem Sportplatz Grunewald die einzig wirklich angenehme Erinnerung an meine Schulzeit. Alles Bedrückende, das auf uns auch in der Schule lastete, war dort wie weggeweht. Wenn wir allerdings zur Rückfahrt in den S-Bahn-Zug einstiegen, war diese gelöste Atmosphäre ebenso schnell wieder verflogen.“

Die bevorstehenden Olympischen Spiele erweckten bei den Machthabern das Bedürfnis, sportliche Gleichwertigkeit zu demonstrieren, und verhalfen dadurch dem jüdischen Leistungssport zu einem erheblichen Aufschwung. „Makkabi hoffte auf den Mittelstreckler Franz Orgler und den Sprinter Werner Schattmann, Schild auf die Hochspringerin Gretel Bergmann und den Schwerathleten Max Seeligmann.“

Um die Protestbewegung in den USA zu unterlaufen, organisierte der Reichssportführer eigens für jüdische Sportler Olympiavorbereitungskurse, deren Alibi-Funktion sich nur wenig später zeigen sollte.

Antijüdische Schilder und Badeverbote

Die aufschiebende Wirkung der Olympischen Spiele 1936 auf die antijüdische Politik der Nationalsozialisten ist allgemein bekannt: So wurden etwa antisemitische Ausschreitungen nach der Ermordung des Schweizer NSDAP-Landesgruppenleiters Wilhelm Gustloff während der Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen unterbunden. Insbesondere sollten öffentliche Badeverbote für Juden mit Rücksicht auf die Olympiade unterbleiben. Das Entfernen antijüdischer Schilder im Umfeld der olympischen Wettkampfstätten blieb dem Ausland allerdings nicht verborgen. Andere Schikanen hielten an oder verschärften sich: So wurden nun jüdische Schüler vom vorgeschriebenen schulischen Schwimmunterricht ausgeschlossen.

Viele der Duldungserlasse gegenüber den jüdischen Sportverbänden waren zur Beschwichtigung radikaler Parteikreise mit dem Hinweis versehen worden, dass „eine generelle Regelung des jüdischen Sports [...] nach Ablauf der Olympiade erfolgen [wird].“ So waren mit den Olympischen Spielen Hoffnungen, vor allem aber Ängste verbunden. In SA-Kreisen kursierte angeblich die Parole: „Wenn die Olympiade vorbei – schlagen wir die Juden zu Brei!“ Der Dresdener Romanist Viktor Klemperer befürchtete sogar die Ghettoisierung nach den Olympischen Spielen. Inzwischen wissen wir, dass es zwar nicht sofort zu einer radikalen Verschärfung der antijüdischen Politik kam, dass aber der erhoffte Olympia-Frieden abseits der Wettkampfstätten ausblieb. Der Eindruck einer zeitweiligen Milderung der antisemitischen Ausfälle war vor allem auf das Verbot zurückzuführen, in der Presse über „Auseinandersetzungen mit Juden“ zu berichten.

Duldung, Drangsalierung und Verbot

Nach den Olympischen Spielen wurde das tückische Wechselspiel zwischen willkürlicher Gewalt und vorübergehender Mäßigung, das die antijüdische Politik bis zum Novemberpogrom 1938 kennzeichnete, fortgesetzt. In dem Bewusstsein, dass nun ein Höhepunkt der Verfolgung deutscher Juden eingetreten war, entschlossen sich viele zur Auswanderung. Eine systematische berufliche Umschulung sollte die Emigrationswilligen unterstützen. Im Gegensatz zu Makkabi hatte sich der Sportbund Schild des RjF stets gegen die Emigration ausgesprochen, musste nun aber registrieren: „Zu Tausenden haben sich unsere Sportkameraden und Sportkameradinnen in der Fremde eine neue Heimat gesucht.“ Am 14. Oktober 1938 veröffentlichte das Sportblatt des Sportbundes unter der Überschrift „Sportkameraden wandern in die Welt“ eine lange Liste von Leistungssportlern, Trainern und Amtsträgern, die Deutschland den Rücken gekehrt hatten. Der Sportwart des Schild, Paul Yogi Mayer, bemerkte, dass die zur Verfügung stehenden Sportstätten immer weniger wurden, dass viele kleine Vereine verschwanden und die „Gruppe der leitenden Männer“ schrumpfte, bilanzierte aber zuversichtlich eine zunehmende Intensität der Arbeit. Aber auch vor den jüdischen Frontkämpfern des Ersten Weltkriegs machte der nationalsozialistische Verfolgungswahn nicht halt. Mit dem von Goebbels provozierten Terror der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 war das Ende des jüdischen Sports in Deutschland gekommen: Führungskräfte wurden verhaftet, Verbände und Vereine – bis auf wenige Ausnahmen – zur Selbstauflösung gezwungen.

Für Makkabi beschrieb Fritz A. Lewinson, Vorsitzender des Hakoah Köln (1933–1936) und des Makkabi-Bezirks Westdeutschland, den „Prozess der Auflösung“ mit folgenden Worten:

„Nach der Olympiade in Berlin begannen die deutschen Behörden, der Tätigkeit der Makkabi große Schwierigkeiten zu bereiten. Die Repressalien der Behörden waren lokal verschieden. Es gab hier und dort Gestapobeamte, die eine liberalere Haltung einnahmen und den für den jüdischen Sport gesetzlich festgelegten Rahmen tolerierten. Es kam jedoch ständig zu Übergriffen nationalsozialistischer Behörden. Dadurch wurde in den meisten Orten die Tätigkeit weitgehend unterbunden und allmählich lahmgelegt.
Andererseits begann der Auflösungsprozess durch die wachsende Auswanderungswelle. Durch sie wurden viele Vereine durch den Abgang zahlreicher Funktionäre aktionsunfähig. Das Fehlen einer den immer schwerer werdenden Bedingungen gewachsenen Führerschicht machte sich stark bemerkbar.

Im Sommer des Jahres 1938 konnte zwar noch eine Delegiertentagung des Deutschen Makkabi-Kreises in Berlin stattfinden. Sie stand aber bereits im Zeichen der Auflösung der Mehrzahl der Vereine. Die meisten Persönlichkeiten, die den Makkabi in seiner heroischen Epoche geführt hatten, waren emigriert. Sie hatten der Bewegung ihr Gepräge gegeben, einer Gemeinschaft, die durch persönliche Erlebnisse und ein gemeinsames Ideal verbunden war. Die große Mehrheit ging nach Palästina. Auch dort haben sie sich je nach ihrer zionistisch-ideologischen Gesinnung in Kibbutzim, in anderen Formen der Gemeinschafts-Siedlungen, in Städten und Dörfern, als Diplomaten, Universitätsprofessoren, in freien Berufen, als Kaufleute und Handwerker, im politischen Leben, im Militär und der Polizei integriert.

Durch die zwangsweise Auflösung aller jüdischen Verbände in der Kristallnacht 1938 fand der deutsche Makkabi als organisatorisches Gebilde sein Ende. Seine Funktionäre und führenden Mitglieder wurden in Konzentrationslager verschleppt, aus denen nur wenige zurückkehrten. Eigentum und Vermögen des Makkabi wurden beschlagnahmt.“

Fazit

Die Nationalsozialisten hatten 1933 binnen weniger Monate die deutschen Jüdinnen und Juden aus fast allen Bereichen des öffentlichen Lebens ausgegrenzt. Mit dieser Politik ging ein rascher, von Isolation und Angst, aber auch vom Überlebenswillen und vom Willen zum Aufbau einer neuen jüdischen Identität begleiteter Aufschwung des jüdischen Vereinslebens einher. Besonders stark profitierte davon der Sport, der wegen der mit den Olympischen Spielen einhergehenden „Schonfrist“ sogar eine Scheinblüte erlebte. Die beiden Rivalen um die jüdischen Sportlerinnen und Sportler, der zionistische Makkabi-Kreis Deutschland und der Sportbund Schild des RjF, fanden aufgrund ihrer Uneinigkeit in den Fragen der Auswanderung und des Bekenntnisses zum Deutschtum organisatorisch nie zusammen, was gemeinsame sportliche Wettkämpfe jedoch nicht ausschloss. Nach dem 9. November 1938 teilten sie das gleiche Schicksal. Sport war nun Nebensache im Kampf ums Überleben.

Während viele, vor allem jüngere Sportlerinnen und Sportler emigrieren konnten, kamen viele ältere wie Lilli Henoch, Julius Hirsch, die Brüder Julius und Hermann Baruch im Holocaust um. Die Olympiasieger von 1896, die Cousins Flatow verhungerten im KZ Theresienstadt. Die Erinnerung an sie wird vom Deutschen Turnerbund mit der Flatow-Medaille wachgehalten, die seit 1987 vergeben wird. Der Deutsche Fußball-Bund verleiht seit 2005 den Julius Hirsch Preis im Gedenken an einen der ersten jüdischen Nationalspieler Deutschlands.

Im Jahr der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland gründete sich 1965 auch der deutsche Makkabi-Kreis wieder. Makkabi Deutschland hat heute ca. 4.300 Mitglieder, die in 37 Vereinen organisiert sind.